Die Studie der Universität Zürich beschreibt einen Prozess, den die Autorinnen und Autoren als adaptive Mentalisierung nennen: die schnelle Erschließung dessen, was eine andere Person denkt, und die anschließende Änderung des eigenen Verhaltens. Ein Team unter Leitung von Christian Ruff testete über 550 Personen in dynamischen Interaktionen — wiederholte Runden Schere‑Stein‑Papier gegen menschliche oder künstliche Gegner — und setzte ein neuartiges computergestütztes Modell ein, um die Denkprozesse hinter den Entscheidungen zu formalisieren. Das Modell erfasste, wie strategisch Teilnehmende ihre Gegner einschätzten und wie sie diese Einschätzungen nach jeder Runde aktualisierten.
Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie identifizierten die Forschenden ein verteiltes Hirnnetzwerk, dessen Aktivität anstieg, wenn Teilnehmende ihre Einschätzungen revidierten. Wichtige Bereiche waren:
- temporoparietaler Cortex – wichtig für das Nachdenken über Gedanken und Absichten anderer,
- dorsomedialer präfrontaler Cortex – beteiligt an der Bewertung sozialer Informationen,
- anteriore Insula und angrenzender ventrolateraler präfrontaler Cortex – reagierten, wenn Erwartungen sich als falsch erwiesen.
Gökhan Aydogan wies darauf hin, dass sich die Aktivität in diesen Regionen in den relevanten Momenten messbar änderte und dass die Muster vorhersagten, wie stark eine Person ihre Einschätzungen anpasst. Ruff ergänzte, diese Vorhersage funktionierte sogar für Teilnehmende, deren Hirndaten noch nicht ins Modell eingeflossen waren; bei fast 90% der Studienteilnehmenden gelang die Vorhersage. Die Untersuchung betont, dass Mentalisierung ein fortlaufender Anpassungsprozess ist. Solche neuronalen Marker könnten helfen, soziale Kognition objektiver zu beurteilen und langfristig die Entwicklung sowie Bewertung von Therapien zu unterstützen. Die Studie erscheint in Nature Neuroscience.
Schwierige Wörter
- mentalisation — das Nachdenken über Gedanken und Absichten andereradaptive Mentalisierung, Mentalisierung
- Erschließung — schnelles Erkennen oder Verstehen einer Information
- Modell — vereinfachte Darstellung zur Erklärung von Prozessenneuartiges computergestütztes Modell
- Magnetresonanztomografie — bildgebendes Verfahren zur Untersuchung des Gehirnsfunktionelle Magnetresonanztomografie
- Einschätzung — subjektive Bewertung oder Annahme über jemandenEinschätzungen
- revidieren — eine Meinung oder Einschätzung ändernrevidierten
- Anpassungsprozess — fortlaufende Veränderung des Verhaltens oder Denkensfortlaufender Anpassungsprozess
Tipp: Fahre über markierte Wörter oder tippe darauf, um kurze Definitionen zu sehen – während du liest oder zuhörst.
Diskussionsfragen
- Wie könnten neuronale Marker nach dieser Studie die Bewertung von Therapien verändern? Nennen Sie mögliche Vorteile oder Risiken.
- Welche Vor- und Nachteile sehen Sie darin, Schere‑Stein‑Papier für die Untersuchung sozialer Interaktionen zu verwenden?
- In welchen Alltagssituationen ist adaptive Mentalisierung Ihrer Meinung nach besonders wichtig? Begründen Sie kurz.
Verwandte Artikel
Wie Spitzmäuse im Winter ihr Gehirn verkleinern
Zwei neue Studien erklären das Dehnel-Phänomen bei der Eurasischen Spitzmaus (Sorex araneus): Gehirn und Organe schrumpfen im Winter, um Energie zu sparen, und wachsen im Frühling wieder. Forscher verknüpfen Genaktivität und Genomstruktur.
Gehirnähnliches Gewebe ohne Tierstoffe hergestellt
Forscher an der University of California, Riverside erzeugten gehirnähnliches Gewebe ohne tierische Ausgangsstoffe. Das neue Gerüst aus PEG erlaubt Zellen zu wachsen und soll Forschung zu Hirnkrankheiten und Medikamententests verbessern.
Zwei Mikroglia‑Typen beeinflussen Angst bei Mäusen
Forscher an der University of Utah fanden zwei Mikroglia‑Gruppen, die bei Mäusen Angst entweder auslösen oder verhindern. Die Studie in Molecular Psychiatry zeigt neue Therapieideen, doch Behandlungen sind nicht kurzfristig zu erwarten.
Netzwerk von Hirnstamm zum Rückenmark steuert Handbewegungen
Forscher fanden einen mehrstufigen Weg, der Signale vom Gehirn über den Hirnstamm zum Rückenmark leitet und so Hand- und Armbewegungen unterstützt. Die Kartierung dieses Pfads könnte neue Therapien nach Schlaganfall ermöglichen.