Medienkampagne gegen die Proteste am Vidovdan in BelgradCEFR B2
3. Okt. 2025
Adaptiert nach International and Security Affairs Centre - ISAC, Global Voices • CC BY 3.0
Foto von Stefan Kostić, Unsplash
Eine Analyse von Nataša Stanojević wurde vom International and Security Affairs Centre (ISAC), das Teil des Western Balkans Anti-Disinformation Hub ist, veröffentlicht. Global Voices druckte eine bearbeitete Fassung nach. Die Studie analysiert die Medienberichterstattung und die politischen Reaktionen auf die Massenproteste am 28. Juni in Belgrad, dem nationalen und religiösen Feiertag Vidovdan. Nach Schätzungen versammelten sich rund 140.000 Menschen; die Organisatoren wählten Vidovdan, um die Ernsthaftigkeit ihrer Forderungen zu unterstreichen. Zu den Forderungen gehörten vorgezogene Wahlen, institutionelle Reformen, stärkere Rechenschaftspflicht und Maßnahmen gegen Korruption.
Regierungsnahe Medien führten eine Kampagne, die die Proteste als Bedrohung darstellte und die Demonstranten stigmatisierte. Viele Medien nutzten abwertende Begriffe wie „Blockierer“, „Hooligans“ oder „Terroristen“. Boulevardzeitungen wie Informer beschrieben das polizeiliche Vorgehen als „Anti-Hooligan-Operation“ und rechtfertigten Festnahmen. Außerdem wurden Verbindungen zu Kroatien oder zum kroatischen Geheimdienst angedeutet, obwohl diese Behauptungen keine Grundlage in öffentlichen Erklärungen der Organisatoren hatten. Sensible Themen wie Srebrenica wurden ebenfalls eingebracht, um die Demonstranten zu diskreditieren.
- Stigmatisierung von Teilnehmern
- Manipulation von Ereignissen
- Konstruktion eines ausländischen Feindes
- Verherrlichung polizeilichen Handelns
Unabhängige Medien, Menschenrechtsorganisationen und der Europarat berichteten übereinstimmend, dass der Großteil der Proteste friedlich verlief. Die Analyse betont, dass die wenigen Zwischenfälle nach polizeilichem Eingreifen geschahen, als unverhältnismäßige Gewalt eingesetzt worden sei. Hunderte Menschen wurden festgenommen oder in Gewahrsam genommen, und es wurden Fälle physischer Misshandlung dokumentiert. Langfristig gefährden solche Taktiken die Festigung autoritärer Muster: Kritik, die als Hochverrat oder Terrorismus gerahmt wird, lässt den demokratischen Diskurs schrumpfen und kann die Meinungsfreiheit sowie das öffentliche Vertrauen erodieren, auch wenn kurzfristig politische Stabilität für die Machthabenden entsteht.
Schwierige Wörter
- analyse — detaillierte Untersuchung eines Textes oder Ereignisses
- rechenschaftspflicht — Pflicht zur Erklärung und Verantwortung gegenüber Öffentlichkeit
- stigmatisierung — öffentliches Beschämen oder Abwerten von Menschen
- verherrlichung — positiv darstellen von Gewalt oder Handlungen
- unverhältnismäßig — stärker als nötig oder angemessenunverhältnismäßige
- autoritär — von starker, zentralisierter Herrschaft geprägtautoritärer
- erodieren — langsam schwächer oder weniger werden
- manipulation — gezielte Beeinflussung von Informationen oder Ereignissen
Tipp: Fahre über markierte Wörter oder tippe darauf, um kurze Definitionen zu sehen – während du liest oder zuhörst.
Diskussionsfragen
- Welche Folgen kann die Stigmatisierung von Demonstranten in Medien für die demokratische Debatte haben? Nennen Sie zwei mögliche Effekte.
- Warum könnten Organisatoren einen nationalen oder religiösen Feiertag wie Vidovdan für Proteste wählen? Welche Wirkung hat das nach dem Text?
- Diskutieren Sie den möglichen Konflikt zwischen kurzfristiger politischer Stabilität und langfristiger Gefährdung demokratischer Strukturen, wie im Artikel beschrieben.
Verwandte Artikel
TikTok und Clanpolitik in Somalia
Forschung zeigt: TikTok stärkt Clanbindung und verschärft Polarisierung in somalischen Gemeinschaften. Digitale Münzen und TikTok‑Battles halfen, Konflikte zu finanzieren; Plattformfunktionen und Algorithmus begünstigen emotionale Inhalte. Experten empfehlen Moderation und digitale Bildung.
Wissenschaftsjournalismus in der Pandemie
Ein globaler Bericht untersucht, wie die COVID-19-Pandemie die Arbeit von Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten veränderte. Befragt wurden Journalistinnen und Journalisten aus vielen Ländern; die Arbeit wurde intensiver und Preprints wurden häufiger genutzt.
Gen Z und neue Protestwellen in Asien und Afrika
Junge Menschen, oft Gen Z genannt, nutzen digitale Werkzeuge für schnelle, dezentrale Proteste. Beispiele sind Nepal (April–September 2025) und Madagaskar (Am September 25, 2025); der EU SEE-Bericht beschreibt regionale Belastungen der Zivilgesellschaft.
Falschinformationen über Rohingya in Indien
Rohingya-Flüchtlinge, die seit 2017 vor Gewalt in Myanmar flohen, sehen sich in Indien wachsender anti-muslimischer und antizuwanderischer Desinformation gegenüber. Videos und Bilder werden oft wiederverwendet und führten zu Inhaftierung, Abschiebung und Gewalt.
Dubioza kolektiv: „Balkan Boys“ wird regionaler Hit
Die bosnische Band Dubioza kolektiv veröffentlichte die Single „Balkan Boys“, die in den westlichen Balkanstaaten ein Hit wurde. Das englische Lied parodiert regionale Stereotype wie die Flacherde-Theorie; das Musikvideo hat mehrere Millionen Aufrufe.