Ein multidisziplinäres Team in den USA und Europa untersuchte, wie Menschen mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) die Ankunftszeit eines sich nähernden Fahrzeugs abschätzen. Die Arbeit setzt die Forschung von Patricia DeLucia an der Rice University fort. Versuche nutzten ein Virtual‑Reality‑System mit realistischen Autogeräuschen, basierend auf einem Aufbau von Daniel Oberfeld an der Johannes Gutenberg‑Universität Mainz. Teilnehmende erlebten ein herannahendes Fahrzeug nur visuell, nur akustisch oder multimodal und drückten einen Knopf, wenn das Fahrzeug ihren Standort erreicht hätte.
Die Studie fragte, ob Menschen mit eingeschränktem zentralen Sehen sich stärker auf auditive Hinweise verlassen und ob kombinierte visuelle und akustische Reize genauere Schätzungen liefern. Die Forschenden erwarteten eine teilweise Verlagerung zu auditiven Hinweisen bei der AMD‑Gruppe und einen Vorteil durch Multimodalität.
Die Befunde zeigten, dass Menschen mit beidseitiger AMD bei der Abschätzung der Ankunftszeit sehr ähnlich abschnitten wie Menschen mit normalem Sehvermögen. Selbst mit beeinträchtigtem zentralen Sehen nutzten Teilnehmende weiterhin visuelle Informationen und kombinierten Sehen und Hören; sie verließen sich nicht ausschließlich auf Geräusche. Wie in früheren Studien traten Wahrnehmungsverzerrungen auf: lautere und größere Fahrzeuge wurden als früher ankommend eingeschätzt, ein Effekt, der bei der AMD‑Gruppe etwas häufiger, aber klein war. Entgegen den Erwartungen verbesserte die Kombination von Sehen und Hören die Genauigkeit nicht. DeLucia betont, dass klinische Messwerte wie Sehschärfe nicht immer reale Leistungsfähigkeit vorhersagen. Die Forschenden warnen vor Verallgemeinerung, weil das Experiment ein einfaches VR‑Szenario mit einem einzelnen Fahrzeug auf einer einspurigen Straße nutzte, und empfehlen, in Zukunft mehrere Fahrzeuge, Geschwindigkeitsänderungen und leisere Elektrofahrzeuge zu prüfen. Die Arbeit wurde vom National Eye Institute der National Institutes of Health unterstützt; Quelle: Rice University, erschienen auf Futurity.
Schwierige Wörter
- makuladegeneration — krankheit der zentralen Netzhaut bei älteren Menschen
- multimodal — Nutzung mehrerer Sinnesmodalitäten gleichzeitig bei der Wahrnehmung
- auditiv — das Hören betreffend; Informationen durch Geräuscheauditive
- sehschärfe — Fähigkeit, Details und Konturen klar zu sehen
- wahrnehmungsverzerrung — systematische Abweichung in der Wahrnehmung von RealitätWahrnehmungsverzerrungen
- verallgemeinerung — Annahme, dass Ergebnisse überall gleich gelten
Tipp: Fahre über markierte Wörter oder tippe darauf, um kurze Definitionen zu sehen – während du liest oder zuhörst.
Diskussionsfragen
- Welche Folgen können kleine Wahrnehmungsverzerrungen, zum Beispiel frühere Einschätzung lauter Fahrzeuge, im Straßenverkehr haben? Nennen Sie Beispiele.
- Welche zusätzlichen Elemente sollte man in zukünftigen VR‑Versuchen einbauen, um die Ergebnisse besser auf reale Situationen zu übertragen? Begründen Sie.
- Wie bewerten Sie die Aussage, dass klinische Messwerte wie Sehschärfe nicht immer die reale Leistungsfähigkeit vorhersagen? Nennen Sie ein Beispiel aus dem Alltag.
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