Forscher der Washington University in St. Louis und der Tsinghua University in Peking nutzten computergestützte Modellierung, um zu erklären, warum fibrotische Erkrankungen oft in schnellen Sprüngen voranschreiten. Die Ergebnisse erschienen in Proceedings of the National Academy of Sciences. Die Studie identifiziert einen mechanischen "Kipppunkt", der bestimmt, ob Zellen sich koordinieren und so Fibrose verbreiten.
Die Analogie zu Phasenübergängen in der Physik hilft zu verstehen das Verhalten: Wie Wasser bei 0 °C gefriert oder Eisen unter 770 °C ferromagnetisch wird, so zeigt Gewebe einen scharfen Übergang, wenn der Zellabstand eine Schwelle von etwa einigen hundert Mikrometern unterschreitet. Dann können Zellen mechanisch kommunizieren, sich gemeinsam verdichten und das Gewebe verhärten.
Kern der Mechanik sind faserige Netzwerke, insbesondere Kollagen. Xiangjun Peng, Erstautor, beschreibt, wie Kollagenfasern durch Zellkräfte rekrutiert und ausgerichtet werden; so entstehen versteifte Spannungsbänder, die Signale über größere Entfernungen übertragen. Die Forschenden definieren ein kritisches Dehnungsverhältnis, also wie stark Kollagen gedehnt sein muss, bevor Fasern ausgerichtet werden und versteifen. Die Vernetzung von Kollagen legt dieses Verhältnis fest; Vernetzung nimmt mit dem Alter zu und wird durch Ernährung, advanced glycation end products sowie Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes beeinflusst.
Die Autor:innen betonen einen Zielkonflikt: Mehr Vernetzung erhöht die Zellaktivierung, reduziert aber die Distanz, über die mechanische Signale reisen können. In frühen Stadien können Zellen noch über große Distanzen kommunizieren, später bringen Vernetzung und Zellvermehrung die Zellen in den kritischen Abstand, was zu schnellem Fortschreiten führt. Als mögliche Strategien nennen die Forschenden, die Vernetzung von Kollagen zu reduzieren, die Faserausrichtung oder Spannungsbänder zu stören und das physikalische Mikro‑Umfeld durch Ernährung oder Biomaterialien zu verändern. Die Forschung wurde teilweise vom Human Frontier Science Program und der Chinese Natural Science Foundation unterstützt.
Schwierige Wörter
- kipppunkt — Punkt, an dem ein System plötzlich wechselt
- Phasenübergängen — Plötzlicher Wechsel zwischen physikalischen Zuständen
- kollagen — Eiweißfaser im Bindegewebe, bildet Netzwerke
- vernetzung — Verbindungen zwischen Fasern im Gewebe
- dehnungsverhältnis — Maß, wie stark ein Material gedehnt ist
- rekrutiert — Fasern durch Kräfte anziehen oder ordnen
- Spannungsbänder — Verstärkte Faserbahn, die Zugkräfte überträgt
Tipp: Fahre über markierte Wörter oder tippe darauf, um kurze Definitionen zu sehen – während du liest oder zuhörst.
Diskussionsfragen
- Welche Folgen hat laut Text mehr Vernetzung für die Ausbreitung von Fibrose? Begründen Sie kurz.
- Wie könnten Ernährung oder Biomaterialien das physikalische Mikro‑Umfeld verändern, um Fibrose zu beeinflussen?
- Welche Vorteile hätte eine Früherkennung des beschriebenen Kipppunkts für die Therapie von fibrotischen Erkrankungen?
Verwandte Artikel
Zwei Mikroglia‑Typen beeinflussen Angst bei Mäusen
Forscher an der University of Utah fanden zwei Mikroglia‑Gruppen, die bei Mäusen Angst entweder auslösen oder verhindern. Die Studie in Molecular Psychiatry zeigt neue Therapieideen, doch Behandlungen sind nicht kurzfristig zu erwarten.
Gefährliche Chemikalien in Feuerwehrschutzkleidung
Eine Studie unter Leitung von Heather Stapleton zeigt, dass Schutzkleidung von Feuerwehrleuten PFAS und bromierte Flammschutzmittel enthalten kann. Forschende fordern mehr Forschung und mehr Transparenz von Herstellern, damit Einsatzkräfte besser geschützt werden.
Studie: Soziale Medien fördern illegalen Buschfleischhandel
Eine Studie in One Health warnt, dass Facebook und andere Dienste den illegalen Verkauf von Buschfleisch in Westafrika unterstützen. Das kann die Artenvielfalt bedrohen und das Risiko von Krankheiten zwischen Tieren und Menschen erhöhen.
Wie kleine Zellen große Gehirnnetzwerke formen
Eine Studie in Nature Communications verbindet Zell‑ und Molekül‑Daten mit fMRI‑Netzwerken. Forschende zeigen, dass biologische Merkmale auf Zellebene mit großräumigen Gehirnnetzwerken und damit mit Kognition und psychischen Erkrankungen verknüpft sind.