Seit der COVID‑19-Pandemie suchen Forschende nach Erklärungen für Long COVID. Eine neue Studie, an der Akiko Iwasaki von Yale beteiligt war und die in CELL erschien, beschreibt starke Hinweise darauf, dass bei manchen Betroffenen Autoantikörper entstehen, die Gehirn‑ und Nervengewebe angreifen.
Die Forschenden berichten, dass diese Autoantikörper häufig Bereiche treffen, die an Schmerzsignalen, Gedächtnis, Gleichgewicht, Sinnesverarbeitung und der Kontrolle des autonomen Nervensystems beteiligt sind. Solche Zielstrukturen könnten Symptome wie Konzentrationsstörungen („brain fog“), Schwindel, Kopfschmerzen, Müdigkeit, brennende Schmerzen und Taubheitsgefühle erklären.
Methodisch reinigte das Team Antikörper aus Blutproben von Long‑COVID-Patienten, von gesunden Freiwilligen und von Personen, die sich ohne andauernde Beschwerden erholt hatten. Die Antikörper reagierten stärker mit bestimmten Hirnregionen und Nervengeweben als bei Kontrollen. Die Proben wurden zudem gegen mehr als 21.000 menschliche Proteine getestet, wobei viele Zielmoleküle mit Neuronen, Nervensignalübertragung, Entzündung und Hormonsteuerung verbunden waren.
Um Wirkungen in vivo zu prüfen, übertrug das Team Antikörper von Betroffenen in gesunde Mäuse. Diese zeigten erhöhte Schmerzempfindlichkeit, Müdigkeit, gestörtes Gleichgewicht und Schäden an kleinen Nervenfasern sowie ungewöhnliche neuronale Aktivierung in Hirnregionen für Schmerz, Müdigkeit, Gedächtnis und emotionale Regulation.
Erstautorin Keyla Santos Guedes de Sá sagte: "Was an dieser Arbeit am faszinierendsten war, ist, dass wir Antikörper finden konnten, die, wenn sie in Mäuse übertragen wurden, genau die Art von Symptomen auslösten, die von Long‑COVID‑Patienten berichtet werden." Akiko Iwasaki fügte hinzu: "Das ist ein bedeutender Befund, aber das bedeutet nicht, dass es nicht auch andere Ursachen gibt." Die Forschenden sehen Überschneidungen mit Autoimmunerkrankungen und mögliche Hinweise auf bereits verwendete Behandlungen, betonen aber, dass weitere Untersuchungen nötig sind. An der Arbeit waren Teams von Yale, Mount Sinai, dem Howard Hughes Medical Institute und weiteren Institutionen beteiligt.
Schwierige Wörter
- autoantikörper — Immunsystem-Proteine, die eigenes Gewebe angreifen
- antikörper — Proteine im Blut, die fremde Stoffe erkennen
- zielmolekül — Molekül, das von anderen Stoffen gezielt angegriffen wirdZielmoleküle
- nervensignalübertragung — Weiterleitung von Nervenimpulsen zwischen Zellen
- autonomes nervensystem — Teil des Nervensystems, der unbewusste Funktionen steuertautonomen Nervensystems
- neuron — Nervenzelle, die Signale im Gehirn weiterleitetNeuronen
- aktivierung — Erhöhte Aktivität einer Zelle oder Region
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Diskussionsfragen
- Welche Folgen hätte es für die Behandlung von Long‑COVID, wenn Autoantikörper eine wichtige Rolle spielen?
- Welche weiteren Untersuchungen wären sinnvoll, um die Ergebnisse der Studie zu überprüfen?
- Welche Stärken und Grenzen hat der Nachweis von Symptomen nach Antikörper‑Übertragung in Mäusen für das Verständnis menschlicher Erkrankungen?
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