Die Untersuchung von 7amleh kommt zu dem Schluss, dass die europäischen Regeln für künstliche Intelligenz faktisch nicht greifen, sobald Technologie oder Fördermittel die EU verlassen. EU‑Gelder und Produkte erreichen Regierungen und Militärs in Westasien und Nordafrika (WANA), ohne dass verbindliche Rechenschaftspflichten für menschenrechtliche Folgen bestehen.
Die Studie beschreibt ein strukturiertes System mit drei Hauptkanälen. Erster Kanal ist die Migrationskontrolle: Unter dem wichtigsten Instrument der EU für die Zusammenarbeit mit Drittstaaten sind 10 percent des Finanzrahmens für Migrationssteuerung vorgesehen. In 2023 und 2024 unterzeichnete die EU Abkommen mit Ägypten, Marokko, Tunesien und Libanon, die an Kooperation zur Kontrolle irregulärer Migration knüpften; es folgten Lieferungen von biometrischen Identifikationssystemen, Reisescreening‑Tools, smarten Grenztoren und maritimer Überwachungsinfrastruktur. Finanzmittel werden häufig über Mitgliedstaaten und Durchführungsorganisationen geleitet, was Distanz schafft und die Verantwortung verringert.
Der zweite Kanal ist die Forschungs- und Innovationsförderung: Horizon Europe und andere Fonds vergaben Gelder an Firmen mit dokumentierten militärischen Anwendungen. So leitete der European Defence Fund 15 million euros an Intracom Defense, das zu 94.5 percent von Israel Aerospace Industries gehalten wird. Der European Investment Fund verpflichtete 21.2 million euros an einen Fonds, der in Paragon Solutions investierte, und Horizon Europe förderte Xtend, das später vom israelischen Verteidigungsministerium mit der Lieferung von tausenden Angriffsdrohnen beauftragt wurde. Drittens erfolgen Direktexporte: europäische Firmen verkaufen Gesichtserkennung, biometrische Werkzeuge, Drohnenkomponenten und Smart‑City‑Technologien an Regierungen in WANA ohne verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltspflichten; die Trennlinie zwischen ziviler und militärischer Nutzung ist vielerorts verwischt.
Im Gazastreifen wurden laut Bericht hochriskante KI‑Zielsysteme unter Bedingungen eingesetzt, die Grundprinzipien des humanitären Völkerrechts verletzen. Es wurden 67,000 Todesfälle gemeldet, die Mehrheit Zivilisten, und eine Studie in The Lancet fand, dass die Lebenserwartung in Gaza im ersten Kriegsjahr halbiert wurde. Der Internationale Gerichtshof stellte fest, dass das Verhalten Israels plausibel Akte des Völkermords beinhaltet. 7amleh fordert unter anderem, den AI Act auf Exporte auszudehnen, verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltsprüfungen für alle KI‑ und Dual‑Use‑Exporte einzuführen, unabhängige öffentliche Menschenrechts‑Folgenabschätzungen vor Unterzeichnung von Migrationsabkommen vorzulegen und die israelische Teilnahme an Horizon Europe neu zu bewerten. Nadim Nashif ist Executive Director von 7amleh.
Schwierige Wörter
- rechenschaftspflicht — Verpflichtung, das eigene Handeln öffentlich zu erklärenRechenschaftspflichten
- migrationskontrolle — Maßnahmen zur Kontrolle von Migration über Grenzen
- biometrisch — auf körperliche Merkmale bezogen zur Identifikationbiometrischen, biometrische
- sorgfaltsprüfung — Prüfung, ob mögliche Schäden oder Risiken vermieden werdenSorgfaltsprüfungen
- durchführungsorganisation — Organisation, die Projekte oder Programme praktisch umsetztDurchführungsorganisationen
- verbindlich — rechtlich verpflichtend, also nicht freiwillig oder optionalverbindliche
- militärisch — auf Streitkräfte, Verteidigung oder Kriegsführung bezogenmilitärischen, militärischer
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Diskussionsfragen
- Welche konkreten Risiken nennt der Bericht im Zusammenhang mit Exporten von EU‑Geld und Technologie in WANA? Nennen Sie mindestens zwei und begründen Sie kurz.
- Wie würde sich Ihrer Meinung nach eine Ausdehnung des AI Act auf Exporte auswirken? Welche Vorteile oder Nachteile könnte das haben?
- Warum reduziert laut Text der Fluss von Finanzmitteln über Mitgliedstaaten und Durchführungsorganisationen die Verantwortung? Diskutieren Sie mögliche Folgen.
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